Monday, November 27, 2006

Studie Uni Heidelberg 'Pflege 2003' 16;144-152

Nutzen eines Pflegedokumentationssystems und wie dieser gemessen werden kann:

Eine Studie der Universität Heidelberg, veröffentlich im Huber Verlag ‚Pflege’ 2003 16; 144-152, untersucht die Auswirkungen eines rechnergestützten Pflegedokumentationssystems auf die Quantität und die Qualität von Pflegedokumentationen.

Es handelt sich um das Pflegedokumentationssystem PIK (Pflegeinformations- und Kommunikationssystem), welches zur Zeit der Studie auf vier Pilotstationen eingesetzt wurde. Dieses System wurde in Kooperation mit vielen Anwenderkrankenhäusern entwickelt und hat mittlerweile Einzug gefunden in vielen Häusern. Es bietet die Möglichkeit, alle 6 Schritte des Pflegeprozesses abzubilden. Von der Informationssammlung über eine Pflegeplanung (Problem-, Ziel- und Maßnahmenplanung), Maßnahmendokumentation und Zielevaluation bis zum Schreiben eines Pflegeberichtes. Ebenso bietet dieses System die Möglichkeit mittels eines Reitersystems mit anderen Berufsgruppen zu kommunizieren.

Zu Grunde liegen die Anforderungen an eine Pflegedokumentation. Die Pflegedokumentation wird als „….die systematische, kontinuierliche und schriftliche Erfassung und Auswertung von pflege- und behandlungsrelevanten Daten verstanden“ ( Hessisches Gesundheitsministerium 1997).

Dem nach muss ein Pflegedokumentationssystem folgenden Anforderungen genügen:

  • gesetzlichen Anforderungen genügen
  • den Pflegeprozess abbilden
  • interprofessionelle und berufsübergreifende Informationen sammeln zur Weitergabe, Koordination und Sicherung der Kontinuität einzelner Pflegehandlungen
  • professionelles und patientenbezogenes Handels auf dem Stand aktueller pflegerischer und medizinischer Erkenntnisse nachweisen
  • misst innerprofessionelle Erfolge und weist Qualität nach
  • hinterlegt den Nachweis für einen effizienten Umgang knapper finanzieller Mittel und
  • dient als juristischer Nachweis der Pflegequalität.

Erfahrungsgemäß werden die konventionellen und formularbasierten Dokumentationssysteme ungenügend in der Praxis angewendet. Dadurch entstehen immer wieder Lücken und Unklarheiten im Verlauf und in den oben genannten Anforderungen.

Die Studie weist nach, dass anhand von Erhebungsbögen zur Erfassung von quantitativen Kennzahlen sowie Qualitätsleitfäden, anhand dessen die zentralen Qualitätskriterien erhoben werden können (Mahler, C. et al; 2001) ein signifikanter Anstieg der dokumentierten Probleme, Ziele und Maßahmen in der Pflegeplanung und ein Anstieg der dokumentierten Maßnahmendurchführung zu verzeichnen war.

Durch standadisierte Pflegepläne ergaben sich weniger Formulierungsschwierigkeiten. Der Dokumentationsaufwand reduzierte sich, ebenso erhöhte sich die Vollständigkeit der Dokumentation als Grundlage im Rechtsstreit zur Beweiserhebung von durchgeführten Maßnahmen. Weiterer Vorteil kommt der Pflegedokumentation als Auswertungsinstrument für Pflegemanagement und Pflegeforschung zu Gute. Eine bessere Lesbarkeit und Übersichtlichkeit ist gewährleistet.

Als Nachteil ist die geringe Anpassungsmöglichkeit der Maßnahmen an den individuellen Patienten zu nennen.

Die Einführung des PIK an der Universität Heidelberg umfasste einen Zeitraum von Sept. 1998 bis Juli 2001. Der zeitliche Ablauf umfasste eine Vorher-Erhebung, eine Phase der Intervention, eine Während-Erhebung und eine Nachher-Erhebung. Zur Erhebung von Daten zur Akzeptanz wurden validierte Fragebögen und strukturierte Interviews einsetzt.

In den jeweiligen Phasen wurden Dokumentationsanalysen durchgeführt, die auf Qualitätsaspekte abzielen wie:

  • inhaltliche Vollständigkeit
  • umfassendes Patienten Bild
  • systematische Verlaufsdarstellung des Pflegeprozesses
  • Einbeziehung des Pat.
  • Eindeutigkeit der Einträge/ Dokumentenechtheit
  • Plausibilität
  • Wertfreiheit der Dokumentation

Im Ergebnis kann gesagt werden, dass die EDV-gestützte Pflegedokumentation formal eine günstige Abbildung des Pflegeprozesses ermöglicht. Ebenso, dass eine qualitative Verbesserung nach Einführung des PIK stattgefunden hat.

Weitere Steigerungen konnten nach die anfänglichen Verbesserungen nach 9 Monaten nicht mehr nachgewiesen werden.

Die vier Pilotstationen zeigten unterschiedliche Entwicklungen, die darauf hinweisen, dass neben dem Instrument weitere professionelle Unterstützung und Anleitung notwendig ist um eine evtl. dauerhafte und kontinuierliche Verbesserung zu gewährleisten.

Diese Notwendigkeit besteht unabhängig von der Art der Dokumentation.

Denn alle Dokumentationssysteme sind darauf angewiesen vom Pflegepersonal akzeptiert und angewendet zu werden.

4 Comments:

Blogger santa claus said...

Eine interessante Studie, aber wie ist nun der Nutzen von PIK zu beurteilen?
Legt man die gängige Unterscheidung von formal und inhaltlich zugrunde, so meint "formal" die äußere Gestalt. "Günstig" meint weder hervorragend noch schlecht, sondern vorteilhaft. Kernaussage der Studie ist also, daß die äußere Form des Dokumentationssystems PIK eine vorteilhafte Abbildung des Pflegeprozesses ermöglicht. Das heißt doch aber nichts anderes, als daß PIK zum Zwecke der Pflegedokumentation taugt, oder? Es erfüllt die Anforderungen an ein Pflegedokumentationssystem.
Die beobachtete qualitative Verbesserung bezieht sich auf die aufgeführten Qualitätsaspekte wie inhaltliche Vollständigkeit, Systematik im Pflegeprozess und ein umfassendes Patientenbild. Wie aber deckt sich die Problematik der "geringen Anpassungsmöglichkeit von Maßnahmen an den individuellen Patienten" mit dem umfassenden Patientenbild? Ist das Plausibilität? Eine vertiefende thematische Auseinandersetzung mit dem Thema Qualität wäre erforderlich, denn Standardisierung unter dem Siegel der Qualität auf Kosten individueller Maßnahmenplanung im jeweiligen Pflegeprozess stellte doch den Nutzen des Systems in Frage und müßte entschieden abgelehnt werden.
Da die 4 Pilotstationen sich unterschiedlich entwickelten, könnte man vermuten, dass entweder mangelnde Akzeptanz des Pflegepersonals und/oder ständige professionelle Anleitung und Begleitung erforderlich waren. Womit wir bei den Kosten bzw. der Kosten-Nutzen-Relation angekommen sind. Neben den Anschaffungs-, dürften dauerhaft Schulungskosten entstehen.Wie gestaltet sich der weitere Umgang des Pflegepersonals mit dem System, sobald die professionelle Begleitung ausbleibt? Einige Fragen bleiben unbeantwortet.

06 December, 2006  
Blogger ssl said...

Ja, ich stimme zu, es bleiben einige Fragen offen.
Der Entwicklung von EDV gestützen Pflegedokumentationssystemen liegt doch die Überlegung zu Grunde, den Anforderungen einer Pflegedokumentation so zu gestalten, das unter anderem Daten systematisch erfasst werden, das Pflegeleistungen abgebildet und nachprüfbar sind um diese abrechenbar zu machen und als Grundlage weiterer Forschungen in der Pflege. Wenn ein solsches System den Pflegeprozess vorteilhaft abbildet, ist bereits mehr erreicht, wie bekanntermaßen die papierbasierte Pflegedokumentation diesen häufig nur unzureichend abbildet und eher lückenhaft und unvollständig ist.
Das dieses Pflegesystem PIK in der inhaltlichen Ausgestaltung der Pflegedokumentation und die Individualisierung der Pflegeplanung noch verbesserungsfähig ist, wird in der Studie explizit erwähnt.
Und mal ganz ehrlich, hängt die Messlatte nicht ein wenig hoch, wenn die Individualität als Maßstab gilt. Dann können wir die Einführung von Klassifikationssystemen auch gleich vergessen. Denn diese tragen dem auch zu wenig Rechnung. Was mich bei der Beschäftigung mit diesem Thema fasziniert: auch bei der Entwicklung von elektonichen Pflegedokumentationssystemen handelt es sich um einen Prozess. Und einige KollegInnen für Neues zu begeistern, dass ist doch in dieser Studie gelungen. Wie die Entwicklung weiter geht bleibt meines Erachtens spannend und abzuwarten.

10 December, 2006  
Blogger sabine said...

Die Durchführung dieser Studie zeigt auch auf, das Pflegekräfte einen grundsätzlichen Bedarf an Schulung zum Thema Pflegeprozess haben. Unabhängig davon, ob das ganze EDV gestützt ist oder nicht.Die Schulung der Mitarbeiter zum Thema Pflegeprozess bringt zwar mit Einführung von PIK zusätzliche Kosten mit sich, aber der Schulungsbedarf wäre ohnehin vorhanden.Meiner Meinung nach zeigt PIK in dieser Studie Schwachstellen bei den Mitarbeitern auf, die ohnehin bearbeitet werden müssten.

22 December, 2006  
Blogger Kuredu said...

Positive Aspekte der beschriebenen Vorgehensweise zur Einführung des PIK in Heidelberg waren, auch nach den Beurteilungen zweier Gutachter, vor allem darin zu finden, dass, wie oben beschrieben, die Lesbarkeit und die formale Vollständigkeit der Dokumentation gewährleistet, sogar gesteigert werden konnte. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang, dass das an der PIK – Einführung beteiligte Personal mit deckungsgleicher Zielvorstellung zu Beginn des Vorhabens in der Auswertungsphase des Projekts diese Intention objektiv bestätigt bekam. In Folge dieser Tatsache führte die quantitative Erhöhung der dokumentierten Maßnahmen zu einer transparenten Darstellung der geleisteten Arbeit und macht somit eine Aussage über den Nutzen eines Pflegeinformationssystems für die Personalberechnung des Pflegedienstes in einem Krankenhaus.

22 January, 2007  

Post a Comment

Links to this post:

Create a Link

<< Home