Friday, December 22, 2006

Pflegepersonal und die IT Entwicklungen im NHS

Pflegepersonal und die IT Entwicklungen im
National Health Service (NHS)

1. Einleitung

Im Folgenden möchte ich zur Frage „Pflegeinformationssysteme- Kosten und Nutzen“ auf die Ergebnisse einer Online Befragung von Nursix.com, im Auftrag des Royal Collage of Nursing(RCN) eingehen. In dieser Studie wurde weniger auf die Kosten sondern vielmehr auf die Wünsche und Erwartungen des Pflegepersonals.

Das britische und das deutsche Gesundheitswesen sind nur bedingt miteinander vergleichbar.
Der NHS wird aus Steuergeldern finanziert, die großen Krankenhäuser sind alle im NHS, also in einem System integriert und werden zum großen Teil zentral gesteuert. In Deutschland ist das nicht so. Dies hat natürlich Einfluss auf einheitliche IT-Systeme. Dennoch sind die Forderungen, die die Pflegekräfte an Pflegeinformationssysteme stellen ähnlich. In Großbritannien hat man allerdings den Vorteil, dass alles in einer Hand liegt und mit dem RCN auch einen mächtigen Verband, der sich für seine Mitglieder und deren Interessen auch politisch einsetzt.

Das NHS versucht durch die Entwicklung von IT Projekten eine Effizienz und Effektivitätssteigerung. Nach Einschätzung des RCN werden diese Programme starken Einfluss auf die Arbeit des gesamten Personals im NHS haben. Da das Pflegepersonal die größte Berufsgruppe innerhalb des NHS, stellt ist sie somit besonders betroffen. Das RCN möchte, dass die entwickelten EDV Lösungen die höchste Qualität der pflegerischen Versorgung sicherstellen.

2. Die Befragung
Die Befragung wurde von Mitte Januar 2004 bis Mitte Februar 2004 in Großbritannien, von Nursix.com durchgeführt.
15000 Mitglieder des RCN wurden angemailt und aufgefordert einen Online Fragebogen auszufüllen (22 Fragen) und hatten die Möglichkeit Freitexte zu schreiben. Diese Vorgehensweise wurde zuvor in einem Pilotversuch getestet.
2020 Pflegepersonen sind der Auforderung gefolgt und haben den Fragebogen ausgefüllt zusätzlich ergab die Befragung 110 Seiten Freitexte.

2.1 Methoden

Die quantitativen Ergebnisse wurden durch Prof. Mike Smith mit nicht näher bezeichneten Werkzeugen ausgewertet.
Die Freitextkommentare wurden nach der Grounded Theory, constant comparative approach nach Glaser und Strauss analysiert. Die Ergebnisse wurden dann von einem nicht beteiligten Forscher auf Vollständigkeit und Richtigkeit überprüft.
In meiner Betrachtung gehe ich auf die qualitative Analyse der Online- Befragung ein.

3. Was erwartet das Pflegepersonal von IT gestützten Systemen?
Integrated clinical Record (ICR)
Hier wird eine digitale Patientenakte gefordert, in welche alle Teile des Gesundheitswesens Einblick haben. Alle Befunde laufen hier zusammen und sind für alle sichtbar. Immer wiederholte Fragen werden reduziert. Das Problem Handschriften entziffern zu müssen gibt es nicht mehr. Mehrfachuntersuchungen können reduziert werden.
Es ist eine Kontinuität in der Pflege, ohne Brüche (z. Bsp. Überleitung), gegeben.
Als Beispiel wird hier die ICR der US-Streitkräfte genannt die weltweiten Zugriff erlaubt.

Die Möglichkeit des Informationsaustausches mit Kollegen über Organisationsgrenzen
Hier beziehen sich die Befragten zum Beispiel auf die Zusammenarbeit mit Sozialdiensten und anderen Leistungserbringern im Gesundheitswesen.

Einbeziehen der Mitarbeiter in die Entwicklung von klinischen Systemen
Die Befragten bemängeln, dass bisherige Systeme häufig nicht den Anforderungen des Pflegepersonals entsprechen, sondern in der Regel an die Wünsche des ärztlichen Personals angepasst sind. Sie fordern hier eine Einbeziehung der pflegerischen Perspektive schon bei der Entwicklung solcher Systeme.

Mangelnder Zugang zu IT- Ausstattung
Die Befragten bemängelnden den Zugang zu Hardware überhaupt, insbesondere Gemeindepflegekräfte. Die Pflegekräfte wollen klinische Informationssysteme, die sie unterstützen Bei der Planung der Patientenversorgung, dem Management ihrer Tätigkeiten und des Personalmanagements.
Hier scheint die Ausstattung nur bedingt vorhanden zu sein.

Angemessene und passende Schulung für das gesamte Personal
Hier scheinen die Befragten schon sehr schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Wohlgemerkt war dies eine Online- Befragung, das heißt die Befragten mussten ja irgendwie schon einen Computer besessen, oder Zugriff auf einen Computer haben, also auch eine gewissen Übung mit Computern im Allgemeinen haben. Viele haben sich privat weitergebildet. Viele bemängeln auch das mangelnde Training vor der Einführung neuer Computersysteme. Sie fordern eine, an die Fähigkeiten angepasste, Schulung der Pflegekräfte.

Angemessener und effiziente technische Unterstützung
Eine große Zahl der Befragten fordert eine umfassende technische Unterstützung, am besten einen 24 Stunden Service. Besonders auch deshalb weil ja auch die Patienten rund um die Uhr versorgt werden und die Systeme rund um die Uhr laufen müssen.

Zugang zum elektronischen Lernen und zu Wissensressourcen
Hier wird von den Befragten der Zugang zu Wissen gefordert. Wissen zur Aus- und Weiterbildung aber auch zur Bearbeitung aktueller Fragen. Insbesondere für Pflegekräfte in der Gemeindepflege. Hierbei scheint besonders der Zugang zu Bibliotheken, Datenbanken, Zeitschriften aber auch zu Expertengruppen aus dem NHS gefragt zu sein.
Dies bringt den Aspekt der Verlinkung des einzelnen mit in die Diskussion. Es scheint den Befragten sinnvoll, Foren zu schaffen ,in denen man sein Wissen teilen , oder sich Rat holen kann.

Eine Standardisierung Patientenakten und IT Systeme
Die befragten Pflegekräfte möchten ein einheitliches, standardisiertes System innerhalb des NHS, das aber an eigene Wünsch angepasst werden kann. Was wider die Standardisierung spricht.





4. Welche speziellen IT Projekte wünschen sich die Befragten Pflegekräfte?

Das am meisten gewünschte Projekt, war das ICR und das verbesserte IT Training.
Aber auch eine Vielzahl anderer IT Projekte wurden gewünscht wie zum Beispiel Pacs (Picture Archiving Systems, Dienstplanprogramme, Fahrzeugnavigationssysteme für Gemeindepflegekräfte, Überleitungsbögen und Entscheidungsunterstützende Systeme).

5. Nutzen

5.1. Erwarteter Nutzen für die Patientenversorgung

Man erwartet eine konstante Patientenzentrierte Pflege. Die Befragten erwarten eine Entlastung im Bezug auf die Administrativen Tätigkeiten und ein verringerter Zeitaufwand zur Informationsbeschaffung sodass sie mehr Zeit mit dem Patienten verbringen können.
Sie erwarten eine verbesserte Patientenversorgung durch standardisierte Pflegepfade und
generell eine Evidenzbasierte Pflege zur Verfügung stellen zu können. Auch soll die Umstellung von Papier auf EDV Systeme zu weniger Fehlern in der Patientenversorgung führen.
Es wird eine Reibungslosere „Reise“ des Patienten durch das Gesundheitswesen erwartet.

5.2. Erwarteter Nutzen für das Personal

Die für den Patienten geltenden Vorteile werden auch für das Personal in Anspruch genommen. Als besondere Möglichkeit wird hier die NHS- weite Einführung von Standards gesehen.


5.3. Erwarteter Nutzen für die gesamte Organisation

Hier werden die Möglichkeiten hervorgehoben, die hinter der eigentlichen Patientenversorgung liegen. Nämlich die der Datenbeschaffung und Auswertung von Patientendaten, Outcomes, Benchmarking, Arbeitsbelastungsverteilung usw.


6. Negative Befürchtungen

Die Befragten sind im Großen und Ganzen sehr positiv eingestellt. Allerdings erwarten die Befragten ungeeignete IT Systeme, eine Informationsflut und Schwierigkeiten, gerade älterer Mitarbeiter, sich an die neuen Systeme zu gewöhnen. Auch wird erwartet, neben den Vorteilen, dass sich die Pflege noch weiter vom Patienten entfernt und noch weniger Zeit mit dem Patienten verbringt. Es wird eine neues „Goverment IT Desaster“ erwartet.

7. Welche Grundvoraussetzungen sehen die Befragten, um die Erwartungen zu erfüllen

Informationen teilen, das heißt alle am Prozess Beteiligten haben gleichberechtigten Zugang zu allen Patienteninformationen. Hierzu müssen aber klare Richtlinien geschaffen werden.

Gerechtigkeit in IT Vorsorge im gesamten NHS. Auch Anbieter von Gesundheitsdiensten außerhalb des NHS sollen Zugang zu den Daten, der von ihnen betreuten Pat. haben.

Ausbreitung der „Nursing Informatics“. Hier sollen Pflegekräfte an der Entwicklung solcher Systeme beteiligt werden.

Nationale Standards werden gefordert

8. Zusammenfassung

Die Befragten wollen:

Eine einheitliche elektronische Patientenakte
Informationszugriff für Aus- und Weiterbildung
IT Unterstützung rund um die Uhr
An der Entwicklung von IT Systemen beteiligt werden

9. Schlussfolgerungen

Diese Forderungen würden, meiner Meinung nach, auch herauskommen, wenn man so eine Befragung hier in Deutschland machen würde. Gerade die Beteiligung an der Entwicklung und Einführung von neuer Software, ist ein muss. Häufig hat man im Alltag mit unpassenden Systemen zu tun, die die Vorteile einer EDV- Unterstützung gerade in das Gegenteil verkehren.
Es kann daher nur richtig sein, spezielle Pflegekräfte auszubilden, die sich mit dieser Thematik befassen. Allerdings sollten sie immer noch in der Praxis der Patientenversorgung verankert sein.
Jeder, am Prozess der Versorgung eines Patienten Beteiligten, sollte jederzeit Zugriff auf die Dokumentation haben, um zeitnah und unabhängig von der Zeitplanung anderer Berufgruppen, dokumentieren und arbeiten zu können. Die Einführung einer elektronischen Patientenakte ist daher, auch für mich, ein muss.
Auch kann durch ein solches System eine Kontinuität in der Pflege gewährleistet werden, wenn es gelingt die Schnittstelle Krankenhaus und ambulante Versorgung miteinander so zu vernetzen, dass es zu keinen Brüchen kommt.
Allerdings hat man in Großbritannien weniger Bedenken in Datenschutzfragen, als in Deutschland. Es dürfte hier erheblich schwieriger sein, solche übergreifenden Systeme einzuführen.
Als großen Vorteil sehe ich die Möglichkeiten, die sich aus den Auswertungen der gesammelten und standardisierten Daten ergeben. Endlich wäre es möglich, die ganze Bandbreite der pflegerischen Leistungen elektronisch zu erfassen, vergleichbar zu machen und darzustellen. Und endlich zu zeigen, was alles geleistet wird.
Insbesondere durch eine EDV gestützte Erfassung des Pflegebedarfs. Hierzu braucht es aber einheitliche, vergleichbare Standards.

Stefan





Quellen
http://www.britbot.de/pdf/NHS_ger.pdf


http://www.rcn.org.uk/publications/pdf/nurses_and_nhs_it_dev.pdf

Link zur NHS Informatics Page

http://www.informatics.nhs.uk/cgi-bin/item.cgi?id=606&d=11&h=24&f=46&dateformat=%25o-%25b-%25Y

2 Comments:

Blogger nalan said...

Die Möglichkeit eines Informationsaustausches innerhalb des Gesundheitswesens und anderen an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen scheint eine große Herausforderung!
Mir stellt sich die Frage, ob es Überlegungen gibt, die den Patienten beziehungsweise dem Versicherten die Möglichkeit einräumen, die erfassten Daten auch selbst einsehen zu dürfen? (Einsicht von durchgeführten Leistungen wie beispielsweise bei privat Versicherten Versicherungsnehmern).

28 December, 2006  
Blogger Stefan said...

Zum Kommentar von Nalan

In der Studie wurde am Rande auch ein Zugang zu den Informationen für den Patienten gefordert:
“ The respondents expect there to be better information available for patients and for them to have the opportunity to review and update their own records. Telemetry should make it possible for patients to be cared for in their own homes in circumstances where this is not possible at the moment. They expect the patient journey to become smoother and for patients to have more choice.” (Seite 16)
Wie Du siehst haben die befragten Pflegekräfte an diese Möglichkeit gedacht. Wie diese aber konkret aussehen könnte, dazu wurden keine Aussagen gemacht.

Allerdings habe ich auf der Seite des NHS den Bericht der Konferenz des: „The Annual Conference of the Care Record Development Board“ folgendes gefunden:
“Patients would have the right to decide not to have a summary care record, to withhold certain information from their record, to refuse to allow information on that record to be shared and also to alter those decisions at any stage, Professor Pringle said. No information about mental health, sexual health or certain specified infections would be included without a patient’s explicit consent.”
“Access to the record would be provided on the basis of the healthcare professional having a role giving them a legitimate relationship with the patient. For example, GPs would have access to the records of those patients registered with their practice, but not to the records of patients registered with another practice. The entire data for a GP practice would be held in professionally managed centres, unlike at present. Mike pointed out that there would be an audit trail, so that patients would be able to see who had had access to their records.”
Hier wird gefordert, dass die “Akte” in speziellen Centren geführt wird und der Patient auch genau sehen kann, was in der Akte steht und wer Zugang hat oder hatte.
Stefan
http://www.connectingforhealth.nhs.uk/crdb/2005conference/pringle

30 December, 2006  

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