Tuesday, March 20, 2007

Praxisorientierte Auswahl einer EDV -gestützten Pflegedokumentation durch ein Pflegeheim

Praxisorientierte Auswahl einer EDV -gestützten Pflegedokumentation
durch ein Pflegeheim

Aus dem wirklichen Leben :
Im Rahmen der im Januar 2007 erfolgten Qualitätsprüfungen von Heimaufsicht und MDK in unserer Altenwohn - und Pflegestation binnen 8 Tagen, stärkte dies die Sehnsucht nach einem EDV - gestützten Pflegeinformationssystem erheblich.
Die Einrichtung ist seit 11 Monaten "am Netz".Durch das fortlaufende Aufnehmen von neuen Bewohnern und dem sukzessiven Stelllenaufbau sind wir seit Januar 07 fast vollbelegt (42/46). Für die anstehenden Prüfungen hatte dies zur Konsequenz , innerhalb kürzester Zeit 35 Pflegeplanungen im Umfang von 13 Seiten in Bezug auf 13 AEDL `s im engen Kontext zu der Persönlichkeit des einzelnen Bewohners zu erstellen. Wir hatten einen Vorlauf von 14 Tagen.
Folglich schrieben 6 Fachkräfte 5-6 Pflegeplanungen im zeitlichen Umfang von je 4-6 Stunden, mit dem Ergebnis :
- die Planungen wurden in der Freizeit erstellt, da die Mitarbeiter für die kognitive
Tätigkeit während dem Pflegealltag keine Freiräume fanden
- inhaltlich unterschiedlichster Qualität
- teilweise schlechter Lesbarkeit durch Handschrift
- geringer Erfolgsfaktor, da nach kurzer Zeit ( 6-9WO ) eine Evaluation erhoben
werden muss,somit die Planung abgeändert wird und der Aufwand von neuem beginnt.

Die Haltung der Mitarbeiter gegenüber dem Erstellen von Pflegeplanungen ist fast ausnahmslos ablehnend. Wenn man bedenkt, dass die Prüfungsinstanzen, wie MDK und Heimaufsicht die pflegerischen Leistungen, somit auch deren Abrechnung aus den einzelnen Pflegeplanungen ableiten und prüfen in wieweit diese anhand von einzelnen Leistungsnachweisen umgesetzt werden, stellt sich die Frage, wie das Management dem Prozess der Erstellung im Pflegealltag die erforderliche Bedeutung zuordnen kann.
Anders als bei der DRG - Vergütung zählt im Altenpflegebereich der Nachweis von einzeln geleisteten und schriftlich nachgewiesenen Leistungen,lückenlos, fortlaufend.
Durch die derzeitige Form der Erstellung von Pflegeplanungen auf unserer Station, erfindet fast jeder Mitarbeiter jedes Mal das Rad fast neu, problematisch wird es, wenn er mal die eine oder andere Speiche vergisst, somit ist die Planungsqualität und das Pflegeverständnis je nach Mitarbeiter derzeit sehr individuell.
Vergleicht man die gesetzlichen Anforderungen, den eigenen oft sehr hohen Anspruch der Mitarbeiter mit dem Aufwand zur Erstellung der "lebenden" und fortlaufenden Pflegeplanung im Kontext des Pflegeprozesses, stellt sich die Frage nach den derzeitig verfügbaren Arbeitsinstrumenten.
Neben der Vielfalt an unübersichtlichen aber schön gestalteten bunten Formblättern in einer unhandlichen Plastikmappe, stehen den Mitarbeitern Kugelschreiber in den Farben blau-grün-rot zur Verfügung,die Mitarbeiter sind mehr oder weniger im Besitz von eigener Literatur und Nachschlagewerken zur Erstellung der Planungen.
Die Schlussfolgerung aus den vergangenen Erfahrungen ist für mich als Wohnbereichsleitung,dass über ein EDV-gestütztes Pflegeinformationssystem eine erhebliche Qualitätsverbesserung erreicht werden kann. Durch die Verortung des EDV-Instrumentes wird die intellektuelle Tätigkeit der Planung um einen Bewohner zwangsläufig in den Pflegeablauf aufgenommen werden müssen. Durch Formulierungs-hilfen und Maßnahmenpfade wird die Umsetzung der Pflege einheitlicher, kann Pflege nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft, so wie gesetzlich gefordert leichter und sicherer geplant und letztendlich auch umgesetzt werden.

Schön und gut, aber wie geht man nun bei dem Wunsch nach einem EDV - gestützten Pflegeinformationssystem für den Altenpflegebereich vor ?
Es finden andere Kriterien als im DRG System / Krankenhaus Bedeutung, Pflegequalitätskriterien, Standards, aktivierende Pflege , der Bereich Pflegeplanung, Pflegeverständnis und nicht zuletzt pflegeeinstufungsrelevante Nachweise sind anders gewichtet.

Die Fachhochschule Münster entwickelte im Rahmen eines Praxissemesters im Fachbereich Pflegemanagement über Lars Hebel , betreut von Prof. Dr. Rüdiger Ostermann eine Strategie zum Auswahlverfahren eines EDV - gestützten Pflegeinformationssystems für den GVS Herdecke .
Zum GVS(Gemeinnütziger Verein für Soziale Einrichtungen Herdecke)gehören:
- das Altenzentrum Herdecke mit 185 Bewohnern ( 4 Pflegestationen und 1 Wohnbereich )
- das Altenzentrum Kirchende mit 130 Bewohnern
( 2 Pflegestationen, 2 Stationen mit Schwerpunkt Gerontopsychiatrie und
Kurzzeitpflege

Auch wenn in einem vorangegangenen Bericht schon von dieser Ausarbeitung berichtet
wurde, möchte ich mich mit dem Schwerpunkt EDV- gestützte Pflegedokumentation für den Altenpflegebereich und der deren besondere Inhalte beziehen.

Durch den noch jungen und unübersichtlichen Softwaremarkt, gehen die Autoren von einem hohen Zeitaufwand und Fachkenntnissen aus, um ein richtiges EDV System auszuwählen.
Zur Vereinfachung entwickelten sie eine Strategie, die es Heimleitern mit einem grundsätzlichen EDV-Wissen,jedoch ohne ausgewiesenen Fachkenntnisse der Pflegeinformatik ermöglicht, ein bedarfsgerechtes System auszuwählen.
Es sei angemerkt, dass sich allein ein entsprechendes Auswahlverfahren als arbeits- und zeitintensiv darstellt, sicherlich immer im Rahmen eines Projektes gestaltet werden sollte.

Das für mich Besondere an dieser Strategie besteht darin, das die eigentlichen potentiellen Anwender in das Auswahlverfahren miteinbezogen wurden, das pflegerelevante Inhalte den Schwerpunkt ausmachten. Erst im Weiteren wurde geschaut, inwieweit die gewonnenen Daten aus der Pflegedokumentation durch die möglichen Systeme genutzt werden können, um Betriebsabläufe zu optimieren, darzulegen wie aufwändig eine qualitativ gute Pflege ist und Pflegeeinstufungen der Bewohner in Zusammenarbeit mit dem MDK objektiv zu gestalten.

Die Strategie beinhaltet folgende Schritte :
- Erstellung eines individuellen Anforderungskatalogs
- Evaluation der Einflüsse der bisherigen Pflegedokumentation auf die Software-Lösung
- Erwartungen, Wünsche und Vorstellungen der Mitarbeiter(-innen) an ein computer-
gestütztes Pflegedokumentationssystem
- Besuch einer Fachmesse zur schnellen Marktübersicht
- Besprechung und Test des Softwareproduktes mit den Anbietern mithilfe eines
Anforderungskataloges
- Evtl. Auswahl ( Gewichtung von Stärken und Schwächen der Produkte ) des oder der
Produkte
- Ausblick auf weitere Vorgehensweisen und Möglichkeiten von EDV-Pflegedokumen-
tationssystemen
- Testinstallation

Da sich das Thema des Blogs mit den Kosten und dem Nutzen von EDV - gestützten Pflegeinformationensystemen befasst, möchte ich nicht im Einzelnen auf die Teilschritte der interessante Ausarbeitung eingehen.
Um den Nutzen des gewünschten EDV - Systems beurteilen zu können, wurde in der Erarbeitung der Strategie ein Anforderungskatalog erstellt, mit Kriterien unterschiedlichster Priorität, KO Kriterien legten die höchste Priorität fest und müssen bei der Auswahl unbedingt erfüllt sein. Diese Kriterien wurden in einem Pflichtenheft zusammengetragen.
Die Kriterien umfassten u.a. die Bereiche Ablauf des Pflegeprozesses, Berichtschreibung,Archivierung oder Transfer, Formulargestaltung, Textbausteine für Ziele / Maßnahmen, Benutzerverwaltung, Vernetzung....

Das Testverfahren erfolgte über 3 verschieden Systeme, auf vergleichbaren Stationen. Die Beurteilung der Systeme erfolgte zusätzlich zur formalen Auswertung anhand des Pflichtenheftes über die an der Anwendung beteiligten Pflegekräfte.

Auf Nachfrage bei Herrn Prof. R. Ostermann ( Fachbereich Pflege / FH Münster / Lehrgebiet Informatik und Statistik) umfassten die drei ausgewählten EDV Systeme eine Gewichtsklasse von 5000.-€ - 15000.-€ - 25000.-€. Bis heute hat der GVS Herdecke noch keine Entscheidung für ein entsprechendes EDV-gestütztes Pflegedokumentationssystem getroffen.

In der Ausarbeitung erwähnen Hebel/Ostermann, dass trotz der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den möglichen Systemen der Kostenfaktor eines Systems oftmals das Hauptentscheidungskriterium der Verantwortlichen bleibt.
Zudem setzt die Auswahl eines entsprechenden Systems bei den unterschiedlichen Bedürfnissen der Einrichtungen, trotz allgemeingültiger gesetzlicher Rahmenvorgaben eine interne Auseinandersetzung zum Pflegeverständnis voraus.
Also haben wir wohl noch einen langen Weg vor uns.

Literatur

Hebel, L. ; Ostermann, R. : Praxisorientierte Auswahl einer EDV-gestützten Pflegdokumentation durch ein Pflegeheim, PrInterNet 07-08/05,436-442

1 Comments:

Blogger chris said...

Da ich selber aus der Altenpflege komme, kann ich deine Schilderungen gut nachvollziehen.
Gerade in der Altenpflege, die ja noch mal anders als der Krankenhausbereich zu bewerten ist, ist eine derartig revolutionäre Neuerung wie ein EDV-gestütztes Dokumentationssystem in der Einführung mehr als schwierig. wenn man aber die Probleme bezüglich der zeitlichen Ressourcen und den Anforderungen seitens der Gesetzgeber und der Pflege- sowie Krankenkassen sieht, ist eine vereinfachte und schnellere Dokumentationsmethode gerade hier notwendig. Bleibt zu hoffen, dass vor allem die betroffenen Pflegekräfte genug Akzeptanz aufbringen, damit sich derart kostenintensive Anschaffungen auch tatsächlich lohnen.

12 April, 2007  

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